Schweizer sein

Geben Sie die Wörter „Schweiz“ und „lang“ bei Google ein. Ihre Suchmaschine wird „weilig“ ergänzen, ganz automatisch. Nicht „lang-sam“ oder „lang-fristig“, sondern „lang-weilig“, algorithmisch legitimiert. So also denken Google und die Welt über uns.

Dabei haben wir den Dadaismus aus der Taufe gehoben und LSD erschaffen, Le Corbusier war Schweizer, Jean Luc Godard und Roger Federer sind es immer noch. Wir haben das Nacktwandern erfunden, das Alphornblasen und das „Schwingen“ genannte Schweizer Wrestling. Selbst das Internet (ja, Google, auch das Internet) hat sich jemand in der Schweiz ausgedacht. Durchaus fruchtbarer Boden also, nicht nur für unsere 700‘000 Milchkühe. Im Grunde sind wir eine Mischung aus Anarchisten, Nerds und Heidis. Aber offenbar erfolgreich. Der Global Innovation Index listet die Schweiz seit Jahren unter den führenden Nationen. Auch 2014 wieder. Trotzdem erscheinen wir immer ein bisschen „kleiner“ als andere. Und weil man seine Differenz am besten zur Stärke macht, ist „Less is More“ so etwas wie unser nationales Motto geworden: es gehört zu uns wie das Matterhorn oder der Sommer-Stau vor dem Gotthard. Schon weil wir über keine Bodenschätze verfügen, müssen wir aus weniger mehr machen. Wir haben keine Wahl. Unsere Ressourcen heissen Hirn und Hand, und sie brauchen diese langen Winterabende in einsamen Berghütten, wo man gar nicht anders kann, als stundenlang nachzudenken, etwas auszutüfteln oder an kleinen Dingen zu basteln, wie zum Beispiel Uhren.

Denken Sie nur an Schokolade. Typisch schweizerisch, obwohl wir den Hauptbestandteil, Kakaopulver, gar nicht herstellen. Aber eins von den wenigen Dingen, die wir im Überfluss haben, ist Milch. Vermischt mit bitterem Kakaopulver wird daraus eine süsse Kakaopulvervariante, die alle mögen: Milchschokolade. Wir lieben es einfach, Dinge neu und anders miteinander zu verbinden. Das ist unser Geheimnis. Nehmen Sie Senf. In einer dieser langen Winternächte hatte ein Schweizer die Idee, Senf in eine Tube zu pressen. Das gab‘s noch nicht, es erschien aber ausgesprochen praktisch. Also hat Herr Thomi es gemacht. Oder nehmen Sie Schreibgeräte. Wir von Prodir dachten, dass man drei Dinge zusammenbringen sollte, um aus ihnen wirksame Kommunikationsmittel zu machen: gutes Design, eine gute, austauschbare Mine und einen guten Preis. Klingt einfach wie Senf aus der Tube, aber es musste erst mal jemand drauf kommen. Eine weitere typisch Schweizer Erfindung sind übrigens Zuckerwürfel. Wir bauen kein Zuckerrohr an, aber wir hatten die Idee, Zucker die perfekte Form zu geben. Wer gelernt hat, mit knappen Ressourcen zu haushalten, achtet auf Funktionalität. Und er neigt dazu, die Dinge so zu machen, dass sie lange halten. Beides gehört für uns zusammen.

Deswegen waren wir schon Minimalisten bevor jemand meinte, die Form habe der Funktion zu folgen und man solle sich auf das Wesentliche konzentrieren. Da wir über Jahrhunderte nicht nur in, sondern von der Natur lebten, liegt uns der pflegliche Umgang mit ihr im Blut. Wir werfen nichts weg, was man noch brauchen könnte, weshalb wir Weltmeister im Recycling sind. „Reduce to the Max“ auch hier.

Nochmal zurück zu unserer kreativen Ader, die Dinge neu miteinander zu verbinden.
Das stimmt in gewisser Weise auch für unsere Mentalität. In ihr gehen Mut und Präzision eine neue Verbindung ein. Sie kennen die Geschichte: ein Vater namens Wilhelm Tell legte einen Pfeil in seine Armbrust und schoss damit einen Apfel vom Kopf seines Sohnes. Tell ist dabei zugute zu halten, dass er überzeugende Gründe hatte, das Leben seines Sohnes derart zu gefährden. Aber er wusste, dass er sich auf seine selbst gebaute Armbrust verlassen konnte. In dieser Urszene wird sie auf den Punkt gebracht: die Schweizer Verbindung aus Mut und Präzision.

Schweizer sind eben alles, nur nicht langweilig.

OPEN READ
Wolfgang Koydl, “Die Besserkönner: Was die Schweiz so besonders macht”, 2014
Wolfgang Koydl, “33 Dinge, die man in der Schweiz unbedingt getan haben sollte: Ein teutonischer Selbstversuch”, 2013
Diccon Bewes, “Der Schweizversteher”, 2012