Die Geschichte ist so alt wie die Zeit: Eine neue Generation wird geboren und verdrängt die voraufgegangene von der Bühne. Mag sein, die ältere Generation wehrt sich noch – zum Beispiel tat es der römische Gott Saturn, indem er seine Kinder frass. Millennials tun es, indem sie die Generation Z als «faul» und «freudlos» abstempeln – Tatsache bleibt, das grundsätzliche Konzept ändert sich nie. Die Alten werden in den Hintergrund gedrängt und die Jetzt-Generation tritt ins Rampenlicht.
Doch muss das Leben so unbarmherzig sein, dass der Gewinner immer alles bekommt? Vielleicht liegt das Problem ja in der Art und Weise, wie wir über verschiedene Generationen denken.
In seinem 2023 erschienen Buch The Rise and Fall of Generation Now (Aufstieg und Fall der Jetzt-Generation) schreibt der Anthropologe Tim Ingold, dass wir uns die verschiedenen Generationen gern als geologische Schichten vorstellen, als eine saubere und klar definierte Anordnung, in der eine über der anderen gelagert wird und eine neue nur dann aufsteigt, wenn die vorangegangene vergraben ist. Eine geordnete, dramatische aber total unzureichende Sichtweise. Die Verwendung dieser geologischen Metapher ermutigt jede Kohorte, sich selbst als völligen Neuanfang zu begreifen – das Millennial-Zeitalter, das Zoomer-Zeitalter… und so die Vergangenheit als etwas zu behandeln, dem man entfliehen sollte, statt damit zusammenzuarbeiten. In dieser Weltanschauung wird jede Kohorte zwangsläufig zur Jetzt-Generation, aber nicht etwa, weil die Etiketten etwas bedeuten würden, vielmehr, weil sich jede Gruppe verpflichtet fühlt, die Welt von Grund auf neu zu erfinden.
Ingold dagegen schlägt eine andere Betrachtungsweise vor.
Statt der geologischen Schichten stelle man sich ein Seil vor. Ein Seil besteht aus einzelnen Pflanzenfasern, die miteinander zu Strängen verknüpft sind. Wenn eine Faser an ihr Ende kommt, muss eine neue eingespleisst werden, damit der Strang weitergeführt werden kann, denn ein Strang reicht nicht, es bedarf mehrerer. Und so wie sich die verschiedenen Stränge zusammenfügen, gewinnt das Seil durch den Zusammenhalt und die erzeugte Spannung an Stärke. Nichts wird vergraben oder zu Ende gebracht, alles wird weitergeführt.
Genauso haben wir uns Zeit einmal vorgestellt. Eher wie eine Schlange, in der unsere Vorfahren und Alten nicht hinter uns sind, sondern vor uns stehen. Alle schauen nach vorn und bewegen sich in derselben Richtung durchs Leben. Man lernt von denen, die vor einem sind und ein Jüngerer lernt irgendwann alles, indem er dich beobachtet.
In den letzten Generationen haben wir die Anordnung allerdings umgedreht: Wir blicken in die Zukunft mit dem Rücken zur Vergangenheit und sind davon überzeugt, dass es keinen Fortschritt ohne Brüche geben kann. Die Zukunft wird so zu einem Problem, mit dem jede Generation allein zurechtkommen muss, denn die Menschen, die uns einst voraus waren, stellt man sich heute als diejenigen vor, die hinterher hängen. Kein Wunder, dass uns jede neue Generation so verängstigt vorkommt.
Das moderne Leben macht die Dinge nicht einfacher, denn die Gesellschaft teilt uns in Altersgruppen auf: Kinder verbringen ihre Zeit mit anderen Kindern in der Schule, Erwachsene mit Erwachsenen in Büros und Fabriken und alte Leute zusammen mit alten Leuten. Familien leben weit voneinander entfernt, unsere Arbeit zwingt uns zur Mobilität, Gemeinschaften werden durcheinandergeschüttelt. Die Stränge gibt es noch, nur verflechten sie sich nicht mehr annähernd so viel miteinander wie früher.
Vielleicht ist es nur eine Frage der Perspektive oder der Terminologie. Wie wäre es, wenn wir statt über Generationskonflikte von Generationskontinuität sprechen würden? Vielleicht ist ja jede Generation eine Jetzt-Generation. Nicht, weil wir alle in einen tödlichen Kampf verwickelt sind, sondern weil wir, ebenso wie unsere Vorfahren, gemeinsam durchs Leben ziehen – als Teil desselben Seils.
