Es ist an der Zeit, den Analogen August wiederzubeleben

Es war einmal… und das ist noch gar nicht so lange her, da lud der Verlag Penguin Books seine Leser und Leserinnen dazu ein, „im Jahr 1983 Urlaub zu machen“. Das bedeutete, sie sollten im August ein Wochenende lang offline verbringen: kein Internet, kein Mobiltelefon, keine sozialen Netzwerke! In Wirklichkeit war es eine sehr intelligente Werbekampagne für das Buch The End of Absence von Michael Harris, in dem es um all die Dinge geht, die uns in einer Welt ständiger Vernetzung fehlen.

Ironischerweise sind heute fast alle Spuren dieser Kampagne im Internet nicht mehr auffindbar – es gibt noch einen Artikel darüber in The Irish Times, einige verstreute Blogbeiträge und das Gespenst einer Webseite von damals. Das ist alles. Wichtig ist daran allerdings eins: Es handelt sich um eine Idee, die es verdient, wieder ins Rampenlicht gehoben zu werden. Und da der August praktisch vor der Tür steht, ist es vielleicht an der Zeit, das Leben zu verlangsamen und den Analogen August wiederzubeleben. 

Laut Michael Harris hat uns unsere ständige Vernetzung und damit Erreichbarkeit genau dessen beraubt, worauf sich der Titel seins Buchs bezieht: Abwesenheit. Unsere stillen Momente, unsere Langeweile, ja, selbst unsere Einsamkeit sind verschwunden – vielleicht sollte man besser sagen, sie wurden durch einen endlosen Strom von Emails, Nachrichten, sozialen Netzwerken und Audio- und Videoplaylisten ersetzt. Wir erleben so etwas wie den „Verlust des Mangels“, das Fehlen genau jener leeren Augenblicke, die möglicherweise sogar die Quellen unserer Intelligenz, unserer Kreativität und unserer Identität sind.

Als Gegenleistung für zwei Dinge versprach die Penguin Kampagne einen kostenlosen Klassiker aus ihrem Programm: Den Kauf des Buchs The End of Absence und das Versprechen, im August ein vollständig analoges Wochenende zu verbringen. Das wurde damals sogar zu einer keinen Bewegung… bis sie wieder verschwand. 

In den mehr als zehn Jahren seit der Veröffentlichung des Buchs sind andere, griffigere oder zeitnähere Ausdrücke geprägt worden: Digital Detox, ein Digitales Sabbatical, oder unser derzeitiger Favorit – Digitales Fasten. Gleichzeitig hat sich unser Leben aber mehr denn je mit unseren Smartphones verbunden, wir zahlen damit, reisen, essen, hören, lesen, erinnern, arbeiten, navigieren, treiben Sport und schlafen sogar damit.

Gleichzeitig ist der Zeitgeist keine Einbahnstrasse, wie uns die Wiederbewegung der Ludditen-Bewegung oder Maschinenstürmer in diesem Jahr zeigt. Luddismus war eine Reformbewegung von Textilarbeitern zur Zeit der industriellen Revolution, die auch gezielt Maschinen zerstörten. Heute wird der Begriff für Menschen verwendet, die nicht prinzipiell gegen Technologie sind, die sich aber gegen die menschlichen Kosten stellen, die durch neue Entwicklungen wie KI entstehen. Im hypervernetzten New York kamen unlängst Neo-Ludditen zusammen und riefen einen analogen Summer of Ludd aus.

Das war Anfang Juli und in New York. Die gute Nachricht ist, wir alle können einen Analogen August begehen, ganz gleich, wo wir gerade sind. 

Die genauen Vorgaben des Penguin Verlags haben sich mit der Zeit verloren, aber es reicht doch schon, wenn wir ein Wochenende, oder, wenn du schon im Urlaub bist, zwei beliebige Tage lang, ganz auf Bildschirme verzichten. Sag‘s weiter, informiere Menschen, mit denen du zu tun hast, wenn’s nötig ist. Du kannst ja eine Nachricht hinterlassen oder eine automatische Abwesenheitsnotiz verfassen. Ausserhalb deines Familien- und Freundeskreises wird deine zweitägige Abwesenheit sowieso kaum bemerkt werden… aber auch das ist nicht unbedingt schlimm.

Schalt ganz einfach ab. Versteck dein Smartphone, räum deinen Laptop weg, schalte deinen Fernseher aus, leg deine Kopfhörer beiseite und du merkst, dass du mindestens einen Tag brauchst, um zuerst deine Hände und dann deinen Kopf vom unwillkürlichen Griff nach dem Gerät zu entwöhnen. 

Bestimmt aber gefällt dir die Abwesenheit, denn wenn Geist und Hände frei sind, entdeckst du verbunden mit einem bisschen Langeweile vielleicht sogar all die vielen analogen Freuden, die du eigentlich vermisst hast.