Hat DALL-E 2 es auf unsere Kreativität abgesehen?

Wenn du es dir vorstellen und beschreiben kannst, kann DALL-E 2 es machen. Es ist das KI-Tool, das die Welt der kreativen Bilder revolutionieren wird.

Eine Suppentasse … als Tor in eine andere Dimension … im Stil von Basquiat ... es gibt sie nicht wirklich, und eine solche Tasse wurde nie zuvor von einem lebenden Künstler dargestellt, aber genauso schnell wie du die Beschreibung dieser Tasse eingeben kannst, kann DALL-E 2 sie kreieren.

Der von OpenAI entwickelte Bildgenerator DALL-E 2 wurde so programmiert, dass er Bilder auf der Grundlage einfacher Textbeschreibungen erstellt. Man muss einfach die Szene beschreiben, den Kontext vorgeben, noch ein paar Details, die einem gefallen (vom Kamerawinkel bis hin zum künstlerischen Stil), und der Generator erzeugt mehrere Bilder, aus denen man dann auswählen kann. Die Ergebnisse sind beeindruckend, bisweilen sind sie zum Schreien und es wurden bereits zahlreiche Bilder erzeugt, die auf Twitter viral verbreitet wurden.

Die Technologie basiert auf GPT3 und wurde auf der Grundlage einer enormen Sammlung von Kunstwerken aufgebaut, die 40‘000 Jahre menschlicher Zivilisation umspannen. Auf den ersten Blick ist bestimmt nicht direkt klar, welch gewaltige Auswirkungen eine solche Technologie auf unsere Gesellschaft haben könnte. Denn können wir nicht mit einer einfachen Google-Bildsuche heutzutage nach fast allem suchen und Ergebnisse finden, die mehr oder weniger dem entsprechen, was wir eingegeben haben und suchen?

Allerdings basiert DALL-E 2 nicht auf irgendwelchen vordefinierten Daten. Er findet nicht einfach Abbildung, die es schon gibt, und es geht auch nicht darum, alte, in der Vergangenheit geschaffene  Bilder neu aufzufrischen. Weit entfernt davon: DALL-E 2 ist in der Lage, vollkommen neue Bilder zu kreieren, Bilder, die es noch nie zuvor gegeben hat, denn er benutzt die Vergangenheit nicht, er lernt von ihr – genauso wie es übrigens jeder Künstler tut. Doch damit nicht genug, er lernt auch die menschliche Bewertung seiner Arbeiten vorherzusagen, denn er weiss, was dem menschlichen Auge mit grösstmöglicher Wahrscheinlichkeit gefällig sein wird.

Wenn DALL-E 2 also in der Lage ist, etwas Originelles zu schaffen, das Menschen schön finden, stellt sich natürlich die Frage, ob er dann auch Künstler überhaupt ersetzen könnte. Wir hören ja schon seit einiger Zeit Geschichten darüber, wie Roboter unsere Arbeitsplätze übernehmen. Im Februar 2021 prognostizierte das McKinsey Global Institute, dass bis 2030 45 Millionen Amerikaner – ein Viertel aller Beschäftigten – ihre Arbeitsplätze durch Automatisierung verlieren würden. Sprechen wir allerdings von Automatisierung, denken wir eigentlich an Sachen wie  selbstfahrende Taxis und Lieferdrohnen, auf Kunst kommen wir in diesem Zusammenhang nicht.

Es gibt jedoch noch eine andere, unheimlichere Seite dieser Technologie, die wir nicht vergessen dürfen: Eine fotorealistische Abbildung ist lustig, wenn zum Beispiel auf dem Mond tanzende Teddybären dargestellt werden, was aber, wenn es sich um eine echte Person handelt, die etwas sagt, das von ihr noch nie gesagt wurde oder etwas tut, was sie noch nie getan hat?

Mit voranschreitender Entwicklung der KI-Technologie steigen auch die Gefahren, die von solchen „Deep Fakes” ausgehen können. Die Möglichkeiten von unheilvolleren Verwendungen dieser Technologie haben auch Fragen darüber aufgeworfen, wie ein solches Werkzeug allen Menschen sicher zugänglich gemacht werden kann. DALL-E 2 ist sich solcher Gefahren sehr wohl bewusst und räumt ein, dass die Technologie ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen dazu missbraucht werden könnte, „ein breites Spektrum irreführender oder anderweitig gefährlicher Inhalte zu schaffen”. Um solche Risiken zu entschärfen, hat man ein Sicherheitsprotokoll eingebaut, das erweiterte Eingabefilter, Zugangsbeschränkungen und verschiedene Überwachungs- und Berichtsmechanismen umfasst.

Wir wissen nicht, was uns in der Zukunft erwartet, aber eins ist sicher, DALL-E 2 (das übrigens noch nicht offen zugänglich ist) hat das Potential, die Kreativindustrie vollkommen aufzumischen. Ist das jetzt eine leere Drohung? Oder sollte man diese Technologie nicht eher als ein weiteres Werkzeug in die bereits existierende lange Liste künstlerischer Werkzeuge einreihen – wozu natürlich auch Stifte, Computer und Photoshop gehören – eben solche, die unsere Kreativität nicht zerstören, sondern stärker machen?

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openai.com/dall-e-2/