Kisten für das globale Dorf

Es war die Milchkanne, die mich früh das Prinzip der Globalisierung verstehen liess, unbewusst zumindest. Denn weil der Ort der Produktion der für mein Wachstum so wichtigen Milch ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt lag, musste ich jeden Abend mit einer Blechkanne zum Bauern radeln, um die Milch kuhwarm und Just-in-time zum Abendessen zu liefern.

Eine eher lästige Dienstleistung, die mich im Alter von acht Jahren fordern liess, unseren Vorgarten in eine Weide samt Kuh umzufunktionieren. Ein sympathisches, aber, wie mein Vater meinte, ökonomisch kaum tragbares Modell.

Bereits damals, Mitte der 60er Jahre, deutete sich an, dass die räumliche Distanz zwischen Produktion und Konsum sich immer weiter vergrössern und die Welt irgendwann zu einem Dorf zusammenschmelzen würde. Ein Dorf wie das meiner Kindheit, nur dass eben der «Bauer» andere Sprachen sprach und auf anderen Kontinenten lebte, und man für diese Logistik eine effiziente andere, wenngleich ähnlich kostengünstige Lösung brauchte, wie mich und meine Blechmilchkanne.

Tatsächlich kam zur gleichen Zeit, als ich die Selbstversorgung mit Milch forderte, erstmals ein Behältnis in den Häfen Europa an, das sich als wahrer Wunderbehälter erweisen sollte: Der Container. Die Erfindung eines Amerikaners zu einer Zeit, als Amerika noch Amerika war, erwies sich schnell als eine Art Spaten für die Goldsucher am wild rauschenden Klondike des freien Welthandels. Er war es, der zum wahren Treiber der Globalisierung werden und mehr Wirkung entfalten sollte als alle Freihandelsabkommen zusammen.

Der Container ist eine Kiste, die sich effizient und extrem kostengünstig mit allem nur Denkbaren füllen lässt, ein geniales, weltweit vernetzbares Werkzeug, dass das Handling radikal vereinfacht. Container sind es, die den Preis für Waren und Güter in einer globalisierten Wirtschaft niedrig halten. Ohne sie sähen unsere Innenstädte, Kleiderschränke, Wohnzimmer, Supermärkte und Essgewohnheiten anders aus.

Rund 34’000 in Bangladesch geschneiderte T-Shirts passen in einen Container. Mit dem üblichen Grosskundenrabatt lassen sie sich schon für 2’100 Euro nach Europa verschiffen. Wenn nach drei Wochen die Lieferung in Hamburg ankommt, haben sich die Kosten pro T-Shirt gerade mal um sechs Cent erhöht. Ähnliches gilt auch für Wein: 1’250 Kartons guten chilenischen Wein à 12 Flaschen von Südamerika in die Schweiz zu transportieren, kostet nur rund 2’500 Dollar oder 0,16 Cent pro Flasche. Und wie der Wiener Journalist Paul Trummer recherchiert hat, ist selbst die tiefgekühlte Salami-Pizza vom Discounter ein weltweit gesourctes Just-in-time Produkt: Ihr Weizen kommt aus Uganda, die Tomaten und Oliven aus Italien, der Oregano aus Mexiko, der Knoblauch aus China, Milch und Käse aus Deutschland. Und weil Distanz kein Kostenfaktor ist, schaffen wir Fische aus Schottland zum Filettieren nach Vietnam, um die Filets dann wieder auf Es war die Milchkanne, die mich früh das Prinzip der Globalisierung verstehen liess, unbewusst zumindest. Der Container sollte mehr Wirkung entfalten als alle reihandelsabkommen zusammen. Der Spaten für die Goldsucher am Klondike des Welthandels einem Schiff zurück nach Schottland zu bringen.

Dank des Containers konnten die Transportkosten von über 10% auf nicht selten unter 1% des Warenwertes gedrückt werden. Nur deswegen sind 2018 geschätzte 160 Millionen Container auf rund 10’000 Containerschiffen pausenlos und perfekt getaktet auf autobahnähnlichen Routen auf den Weltmeeren unterwegs. Schiffe wie die OOCL Hong Kong mit über 400 Metern Länge und 60 Metern Breite, die über 21’000 TEU genannte Standardcontainer transportieren kann.

Aber so genial der Container als Milchkanne des globalen Dorfs auch ist, ich und mein Fahrrad hatten einen Vorzug. Wir haben zwar bei Schnee schon mal gestreikt, aber bis auf das Öl für die Fahrradkette ermöglichten wir eine weitgehend umweltschonende Logistikkette. Ohne es zu wissen, sorgten wir mit dafür, dass das Grass, dass die Kühe des Milchbauern frassen, kaum mit Schadstoffen belastet wurde. Von Containerschiffen lässt sich das leider nicht sagen. Allein die 20 grössten stossen heute mehr Schwefeldioxide aus als 1 Milliarde Autos.

Womit mein kindlicher Vorschlag der Umwandlung des Vorgartens in eine Kuhweide für Viele wieder aktueller geworden ist. Aber auf globaler Ebene wird das genauso schwer machbar sein. Deswegen scheint die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob nicht so, wie aus der Milchkanne eine grosse Metallkiste wurde, auch aus dem Schiff eine Art grosses Fahrrad werden kann, vielversprechender. Aber bis dahin gibt es nur die kleinen, machbaren Lösungen. Zum Beispiel Nordseekrabben zu kaufen, die nicht schon zweimal um die Welt gereist sind, nur um gepuhlt zu werden. Was auch der Grund dafür ist, dass die Blechmilchkanne meiner Kindheit eine Renaissance erlebt. In vielen Supermärkten grosser Städte lässt sich Milch aus der Region wieder direkt in einen selbst mitgebrachten Behälter abfüllen. Und draussen, am Eingang wartet, das Fahrrad.

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Alexander Klose: Das Container-Prinzip: Wie eine Box unser Denken verändert, 2009.
Paul Trummer: Pizza Globale. Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft, 2010.

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