Mach mal Pause und von deinen digitalen Aktivitäten

Scrollst du endlos durch katastrophische Nachrichten? Schaltest du dein Telefon ein, um eine kleine Aufgabe zu lösen und tauchst eine Stunde später wieder auf, ohne eine Ahnung davon zu haben, wo die Zeit geblieben ist? Je mehr Zeit du am Bildschirm verbringst, desto unzufriedener wirst du. Dein Tag verschwindet in vorgeblich lauter zeitsparenden Apps, Funktionen und Tools.

Kann sein, du mutest dir im digitalen Bereich viel zu viel zu und leidest jetzt unter digitalen Verdauungsstörungen. Oder um es mit einer weiteren Metapher auszudrücken, für dich könnte digitales Fasten die Lösung sein.

Fasten bedeutet ja nicht, für immer aufzuhören. Es bedeutet, dir selbst Grenzen für deinen digitalen Konsum zu setzen. Seit Jahrtausenden nutzen religiöse und kulturelle Traditionen das Fasten, um während einer bestimmen Zeitspanne den Tagesrhythmus anders zu gestalten und auf bestimmte Dinge zu verzichten. Während des Ramadans nehmen gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder Essen noch Trinken zu sich. Im Schwarzen Fasten, einem frühchristlichen Ritus, wurde ebenfalls während des Tages auf Essen und Trinken verzichtet, nach Sonnenuntergang verzehrte man dann eine einfache pescetarische Mahlzeit, ohne Fleisch dafür mit Fisch, Meeresfrüchten oder pflanzlichen Lebensmitteln.

Es gibt auch eine moderne, nicht-religiöse Version: Intervallfasten. Die Motivation dafür ist meist körperliche Fitness und die Grenzen werden anders gesetzt: Man isst nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters, zum Beispiel von 12 bis 20 Uhr, für den Rest des Tages wird auf die Nahrungsaufnahme verzichtet. Jedes Fasten-Modell findet also immer innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens statt, keins fordert dauerhafte Abstinenz.

Was, wenn wir das auf unsere Bildschirme übertragen würden?

Digitales Fasten am Tag ist für die meisten Menschen vermutlich unmöglich. Arbeit, Logistik und soziales Leben sind eng mit unseren digitalen Geräten verknüpft. Dreht man das Modell aber um, wird es weitaus praktikabler.

Solltest du die Angewohnheit haben, sofort zu scrollen, wenn du im Zug sitzen, in einer Schlange oder im Wagen an einer roten Ampel stehst (was übrigens nicht nur gefährlich, sondern auch – und das nur zur Erinnerung – illegal ist), bleiben Versprechen wie: «Ich werde mein Telefon seltener benutzen», kaum helfen. Auch Mikromanagement, also beispielsweise der Versuch, sich pro App und Tag auf fünfzehn Minuten zu beschränken, ist ebenfalls kaum durchführbar.

Fasten bietet eine praktikablere Struktur: Zeitlimits.

Versuch es mit einem «digitalen Sonnenuntergang». Verbring den Tag an deinen Geräten, wenn deine Arbeit es erfordert, aber schalte alles aus, wenn du am Abend nach Hause kommst. Oder versuche es mit Intervallfasten: vor 9 Uhr kein Telefon; nach 20 Uhr kein Scrollen. Beginn später. Mach früher Schluss. Strukturierte Grenzen funktionieren meist dann, wenn Willenskraft oder komplizierte Regellisten versagen.

Oder wir versuchen es mit einer härteren Gangart, wenn nämlich die Daumen Apps schneller öffnen, als wir denken können, um sie aufzuhalten, ist wahrscheinlich die beste Lösung, sie zu löschen. Über deinen Desktop bleibst du natürlich auch weiterhin mit diesen Diensten verbunden, aber dieser zusätzliche Anmeldeaufwand wird den Gelegenheitskonsum drastisch reduzieren, ohne ihn dabei völlig aufzugeben.

Doch Fasten verlangt oft nach Ersatz. Also nicht einfach löschen, sondern umleiten. Das erklärt den neuen TikTok Analog Bag-Trend – man stellt sich analoge Aktivitäten mit Büchern, Kreuzworträtseln, Skizzenblöcken, Briefen, Strickzeug zusammen – eben mit taktilen Dingen oder Aktivitäten, nach denen man dann greifen kann, wenn man reflexartig zum Telefon greifen will.

Es geht beim digitalen Fasten darum, die Kontrolle über deine Zeit zurückzugewinnen, du entscheidest, wann du die digitale Welt konsumierst, statt dich von ihr konsumieren zu lassen.