Regentropfen zählen

Am Morgen nach jedem Regentag geht Colin Cusack zwischen acht und neun Uhr in seinen Garten im Süden Frankreichs, um die Niederschlagsmenge in nicht nur einem, sondern zwei Pluviometern zu messen. Die Ergebnisse notiert er handschriftlich in einem kleinen Notizbuch, es ist etwas, das er seit fast 50 Jahren regelmässig durchführt.

„Es ist eine Angewohnheit der Bauern“, sagt Cusack in seinem von Sonnenlicht durchfluteten und auf angenehme Weise unordentlichen Wohnzimmer. Bekleidet ist er mit einem von Feldarbeit schmutzigen Overall und ausgetretenen Lederstiefeln. „Es ist wichtig zu wissen, wie viel Regen gefallen ist, um dann abschätzen zu können, ob man den Garten wässern muss oder nicht.“ Cusack ist 78 Jahre alt und zusammen mit seiner Frau Viviane hat er sein Leben lang ein fast einen Hektar grosses, terrassiertes Grundstück um sein Haus bearbeitet, hat Tomaten gepflanzt, Artischocken geerntet, Trauben zu Wein und Oliven von seinen fast 100 Olivenbäumen zu Öl gepresst.

Cusack ist jedoch nicht nur ein begeisterter Gärtner, sondern überdies ein Psychologe, der im benachbarten Dorf Cabris eine Klinik gegründet und geführt hat, in der Alkoholkranke behandelt wurden. Für ihn ist das Zählen von Regentropfen mehr als nur ein allmorgendliches Ritual, dem er zeitlebens nachgegangen ist, er nennt es seine „klimatologische Neugier“.

„Es ist interessant, die Veränderungen des Klimas zu beobachten“, erklärt er und blättert in seinem kleinen, vollkommen zerlesenen und immer wieder mit transparentem Klebeband verstärkten und geflickten Notizbuch, dessen Aufzeichnungen bis ins Jahr 1995 zurückreichen, ungefähr bis zu dem Zeitpunkt, als seine letzte Tochter, die jüngste von drei Geschwistern, auf die Universität gegangen ist. Das vorhergehende Notizbuch begann er Ende der 1970er Jahre. Er verwahrt es sorgfältig in seinem Keller, auf einem knarrenden Holzregal über einem Betontank, den seine Familie über lange Zeit zum Keltern von Wein verwendete.

Vermutlich hat er die Leidenschaft, seine Beobachtungen schriftlich festzuhalten, von seinem Vater geerbt, der in Dublin, in Irland, Blumenzwiebeln züchtete, bevor er in den frühen 50er Jahren mit seiner Familie nach Frankreich ausgewandert ist. Cusack erinnert sich daran, wie er im Sommer früh morgens mit seinen Schwestern aufgestanden ist, um die Jasminblüten einzusammeln, die sein Vater an die Parfümindustrie in der Gegend verkaufte. Nach dem Tod der Eltern kehrte Cusack zusammen mit seiner Frau Viviane ins elterliche Anwesen zurück und seitdem hat er seinen festen Platz vor Ort gefunden. Seine Angewohnheit, den Niederschlag zu messen und zu notieren, hilft ihm dabei, die Veränderungen in seiner Umwelt festzuhalten und zu verstehen.

Zu diesen Veränderungen gehören auch trockene Jahre wie das „Extremereignis“ der Jahre 2021 bis 2024, als während einer regionalen Dürreperiode der Niederschlag bis auf 50% seiner normalen Menge zurückging – auf fünfzig Zentimeter statt der durchschnittlichen Regenmenge von einem Meter. Oder auch die Jahre 2003 bis 2005, als nur zwischen 62 und 68 Zentimeter Regen fielen oder die Extremabweichung von 2007, als nicht mehr als 40 cm Niederschlag fiel. Natürlich gab es auch nasse Jahre, wie zum Beispiel 2014 oder 2002, in beiden Jahren regnete es fast anderthalb Meter.

Cusacks Messungen sind mehr als nur schiere Daten, sie sind wie die berühmten madeleines des französischen Schriftstellers Marcel Proust, sie stimulieren Erinnerungen. Er blättert in den Seiten mit ihren Gitternetzen bis fast zurück zum Anfang und weist auf ein weiteres nasses Jahr mit anderthalb Metern Niederschlag, 1996. „Ich weiss noch, ich musste ein Flugzeug nehmen, als ich aber am Flughafen in Nizza ankam, war der vollkommen überschwemmt und kein Flugzeug ging ab oder landete.“

Seine beiden Pluviometer sind eigentlich nichts anderes als kleine Messbecher aus Kunststoff, die im Boden stecken. Einer fasst 100 ml und der andere 80 ml. Einmal regnete es so stark, dass er sie schon gegen Mittag ausleeren musste, weil sie voll waren.

In unserer Zeit, die von digitalen Systemen bestimmt ist, könnte man versucht sein, Cusack als einen Boomer abzutun, der an alten, analogen Gewohnheiten festhält.

Aber Cusack ist keiner, der sich an Althergebrachtes klammert. Beim Abendessen checkt er regelmässig seine Wetter-App und bietet jedem, der es hören will, einen Überblick über die weltweite Temperaturlage. Darüber hinaus hat er sich ein Becken in der Grösse eines Schwimmbads bauen lassen, um das Wasser, welches durch sein terrassenförmig angelegtes Grundstück sickert, zu sammeln und es für das Wässern seines Gartens zu verwenden. Später hat er noch ein Tropfbewässerungssystem anlegen lassen, um Zeit zu gewinnen, die Verdunstung zu verringern und Wasser zu sparen.

Einmal hat er sogar zwei kostspielige digitale Systeme zur Messung der Niederschlagsmenge erworben, aber, sagt er, die hätten ihn nur wenig beeindruckt. „Es braucht nur ein Blatt oder eine Böe aus der falschen Richtung und schon funktionieren sie nicht mehr.“ Er zuckt mit den Schultern. „Kann sein, ich hätte ein anspruchsvolleres Gerät kaufen sollen!“

Für die nähere Zukunft bedeutet das wahrscheinlich, dass „anspruchsvoll“ nichts weiter ist als menschliches Anpacken. Eigentlich die Leistung mehrerer Menschen, denn das genaue Zählen von Regentropfen ist bei den Cusacks eine Familienangelegenheit. Wenn die Eltern verreisen und es ist Regen vorhergesagt, schaltet er seine Nichte ein, die in der Nachbarschaft wohnt und die die Pluviometer gehorsam um die vereinbarte Zeit überprüft und die Daten per WhatsApp an ihn weiterleitet. Jahrelang verglich er überdies seine Daten mit denen seiner Schwester, sie war ebenfalls eine Regentropfenzählerin mit ihrem eigenen Notizbuch. Vor ein paar Jahren hat sie aber leider damit aufgehört. Jetzt ist es Cusacks mittlere Tochter, die die Tradition in ihrem 10 km entfernt gelegenen Haus auf dem Land fortführt – allerdings weicht dort die Niederschlagsmenge bis 25% und manchmal sogar bis 30% von seiner Lage ab.

Cusacks stilles morgendliches Ritual, wenn er sein von Gebrauchsspuren gezeichnetes Notizbuch öffnet, um die Regenmenge einzutragen, ist eine Art Gegenmittel gegen das Klingeln und Vibrieren von Benachrichtigungen auf den Geräten im modernen Leben. Im tieferen Sinn ist seine Tätigkeit nicht einfach nur ein Mittel, um bessere Tomaten anzubauen, sondern um die Fülle der Zeit zu erleben. Nach 50 Jahren sind es irgendwie zu viele Tage, um sie noch zu zählen. Doch mit Hilfe seines Notebooks wird hier kein Regentropfen vergessen.